8. November 2018

100 Jahre Freistaat - 100 Jahre NSU

© L. Knapp

Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Der Text erschien erstmals am 6.11.2018 in einer taz-Sonderausgabe.

Von Thies Marsen

Die Ausrufung des Freistaats war der Startschuss für die Demokratie in Bayern, aber auch für extrem rechten Terror und dessen Duldung – bis heute

In Bayern wird derzeit der 100. Geburtstag der Revolution gefeiert – völlig zu recht. Fast ohne Blutvergießen wird im November 1918 die Monarchie abgeschafft, der Krieg beendet und das allgemeine Wahlrecht für alle eingeführt. In der Nacht zum 8. November 1918 ruft der linke Sozialdemokrat Kurt Eisner den „Freistaat Baiern“ aus und wird Ministerpräsident. Sein Programm: „Die Demokratisierung des öffentlichen Geistes wie der öffentlichen Einrichtungen“.

Doch zeitgleich bildet sich in Bayern ein extrem rechter Untergrund, der die Demokratisierung erbittert bekämpft, allen voran die Thule-Gesellschaft, eine im Nobelhotel Vier Jahreszeiten logierende Geheimorganisation. In ihrem Logo: das Hakenkreuz. Die Regierung Eisner ist für sie der „Todfeind: Juda“, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Eine bewaffnete Kampfgruppe wird gebildet, ein Putsch vorbereitet. Die unblutige Phase der Revolution ist am 21. Februar 1919 vorbei: Ein extrem rechter Attentäter erschießt Ministerpräsident Eisner auf offener Straße. Am Vorabend hat der Mörder verkündet: „Der muss weg, er ist ein Bolschewik und ein Jude.“ Ein Jahr später, als die Revolution längst Geschichte ist, wird der Mörder pro forma zum Tode verurteilt und schon am nächsten Tag zu Festungshaft begnadigt, einer Ehrenhaft für Überzeugungstäter.

Nach Eisners Tod haben die Arbeiter- und Soldatenräte die Macht übernommen. Die Thule-Verschwörer organisieren im Untergrund ein Spitzelsystem und fälschen Stempel der Räteorgane. Aus dem Thule-Kampfbund wird das extrem rechte Freikorps „Bund Oberland“, das Anfang Mai 1919 mit anderen „weißen Truppen“ die rote Revolution niederschlägt und dabei ein Blutbad anrichtet.

Unterdessen hat der österreichische Gefreite Adolf Hitler in München bei der Propagandaabteilung der Reichswehr angeheuert und wird kurz nach dem Ende der Räterepublik als „V-Mann“ – wie es schon damals heißt – nach Lagerlechfeld bei Augsburg geschickt, um die dortigen Soldaten auf Linie zu bringen. Als Agent der Armee hält Hitler erste Propagandareden und fasst in einem Brief an seinen Vorgesetzten seine politische Agenda zusammen: Letztes Ziel müsse „unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein“. Als Hitler kurz darauf der Deutschen Arbeiterpartei DAP beitritt, aus der bald die NSDAP werden sollte, steht er immer noch im Sold der Reichswehr.

Bayern hat sich da längst zur Ordnungszelle gewandelt, in der Linke erbittert bekämpft werden, während Rechtsradikale frei agieren können. Mit Unterstützung aus höchsten Kreisen bereitet Hitler den Putsch vor. Als Termin wählen die Verschwörer den fünften Jahrestag der Revolution, um die Schmach der „Novemberverbrecher“ auszulöschen. Der Putsch wird zwar niedergeschlagen und Hitler verhaftet. Doch der Hochverräter wird nicht etwa zum Tode verurteilt oder nach Österreich abgeschoben. Wie der Eisner- Mörder wird Hitler Ehrenhäftling in Landsberg, darf unter der schützenden Hand der Justiz Hunderte Besucher empfangen, politische Schulungen abhalten, den ersten Teil von „Mein Kampf“ verfassen und die NSDAP neu aufbauen.

Nur folgerichtig, dass Hitler nach seiner vorzeitigen Entlassung in Bayern bleibt, denn hier können die Nazis in aller Öffentlichkeit die Machtübernahme in Berlin vorbereiten. 1933 ist es geschafft und der „Führer“ bedankt sich, indem er München zur „Hauptstadt der Bewegung“ kürt. Zwölf Jahre und Millionen Tote später erhält München einen neuen „Ehrentitel“ – von US-General Eisenhower, dessen Truppen die Stadt Ende April 1945 befreien: „the cradle of the Nazi beast“, die Wiege der Nazibestie.

Viele Nazis gehen in den Untergrund, schließen sich dem „Werwolf“ an, einer Geheimorganisation, die SS-Führer Himmler kurz vor Kriegsende gegründet hat und die über geheime Waffenlager verfügt. Noch vor dem Einmarsch der US-Army ermorden Werwolf-Einheiten zahlreiche Nazi-Gegner. Der erträumte Guerillakrieg gegen die Alliierten kommt zwar nicht zustande, doch einzelne Attentate scheint es gegeben zu haben. So fand der Historiker Ralph Klein jüngst Hinweise darauf, dass der US-amerikanische Offizier Edward Hartshorne im August 1946 gezielt durch ein Nazi-Kommando ermordet wurde. Hartshorne sollte die bayerischen Universitäten von Nazis säubern. Auf der Autobahn München–Nürnberg wird er aus einem fahrenden Auto heraus erschossen.

Im Dezember 1946 wird der Freistaat wieder gegründet. Und auch wenn die neue bayerische Verfassung – ausgearbeitet unter dem SPD-Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner – antifaschistischen Geist atmet, fühlen sich Nazis in Bayern weiter wohl. Hier entstehen einflussreiche extrem rechte Verlage, hier gründet Karl-Heinz Hoffmann 1973 die nach ihm benannte Wehrsportgruppe. Als der Bundesinnenminister die paramilitärische Truppe verbietet, erwidert Bayerns CSU-Ministerpräsident Franz Josef Strauß, man solle Hoffmann doch „in Ruhe lassen“. Kurz darauf ermordet ein Wehrsportgruppen- Mitglied in Erlangen den jüdischen Verleger Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frieda Poeschke. Auch der folgenschwerste extrem rechte Anschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte geht auf das Konto eines Hoffmann-Anhängers: Das Oktoberfest-Attentat, bei dem 1980 zwölf Menschen und der Attentäter sterben. Die Hintergründe der Tat, insbesondere die Verwicklungen und Versäumnisse staatlicher Stellen, sind bis heute nicht aufgearbeitet. Gleiches gilt für die Taten des NSU. Die Mitglieder des NSU-Kerntrios waren schon vor ihrem Untertauchen 1998 regelmäßig in Bayern. Hier verübten sie fünf ihrer insgesamt zehn Morde. Kaum vorstellbar, dass sie an den Tatorten Nürnberg und München keine Helfer hatten. Doch die wurden nie ermittelt.

Auch nach 100 Jahren scheint sich der Wille, den nationalsozialistischen Untergrund in Bayern wirklich trocken zu legen, in Grenzen zu halten.

Thies Marsen