23. Oktober 2018

Die Proklamation und ihre Folgen

Werner Pink nennt sich selbst einen „Schrottkünstler“. Er hat einen lebensgroßen Kurt Eisner geschaffen. − Foto: Hannes Höfer

Ausstellung „100 Jahre Freistaat“ ist in Laufen noch bis zum 26. Oktober im Alten Rathaus zu sehen

Von Hannes Höfer

Laufen. Eine Revolution ohne einen Schuss und ohne Opfer. Am 8. November 1918 rief der Pazifist und Sozialist Kurt Eisner den Freistaat Bayern aus. Die Monarchie war zu Ende. Doch der Aufbruch war nicht von Dauer. Gewaltsam beendeten Freikorps und ehemalige Kriegssoldaten die Räterepublik. Diesen Wendepunkt bayerischer Geschichte beleuchtet eine sehenswerte Ausstellung im Alten Rathaus. Sie ist noch bis 26. Oktober zu sehen.

50 Großtafeln auf drei Stockwerken beleuchten diese dramatische Zeit, als die Menschen kriegsmüde waren, Not und Elend herrschten. „Ohne den Irrsinn des Ersten Weltkrieges, ohne die vielen Opfer und den Hunger wäre der Funke des Kieler Matrosenaufstandes nicht bis nach Bayern übergesprungen“, zeigte sich Werner Eckl überzeugt. Der Laufener Linken-Stadtrat zeichnet mitverantwortlich fürdie Ausstellung. Der Journalist Kurt Eisner, 1867 geboren in Berlin, war schon zuvor mit kritischen Kommentaren aufgefallen. In Münchens SPD erfuhr er nicht die erhoffte Zustimmung, weshalb er der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) beitrat und die Münchner Arbeiterschaft zum Streik mobilisierte.

Auszüge aus seinen Schriften beleuchten Eisners Gedanken, Motive und Ziele. Aber auch ein vielschichtiges Umfeld: Der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam kommt ebenso zu Wort wie Ernst Toller und Oskar Maria Graf. An den erinnerte Eckl. Graf berichtet in seinen Schriften von einem Arbeiter, der Anfang November 1918 in einer Sitzung aufgestanden war und gerufen haben soll: „Dann mach ma’s hoid de Revolution, damid a Ruah is.“

Nach einer Massenkundgebung am 7. November 1918 auf der Theresienwiese zog ein immer größer werdender Demonstrationszug zu den Garnisonen Münchens und dann ins Stadtzentrum. In der folgenden Nacht verkündete Kurt Eisner: „Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt! Bayern ist fortan ein Freistaat.“ Nur einen Tag später wurde in Berlin die Republik ausgerufen.

Wegweisende Reformen hatten mächtige Gegner

Rasch erfolgten in Bayern wegweisende Reformen: Das Frauenwahlrecht, der Achtstundentag, das Ende der kirchlichen Schulaufsicht. Arbeiter-, Soldaten- und Frauenräte sollten den Freistaat in eine demokratische Zukunft fuhren. Doch es gab mächtige Gegner. Selbst die Presse scheute nicht vor „Fake-News“ über Eisner zurück. Seine USPD unterlag bei der Landtagswahl am 12. Januar 1919 dramatisch. Ministerpräsident Kurt Eisner war am Morgen des 21. Februar 1919 auf dem Weg in den Landtag, um seinen Rücktritt bekannt zu geben. Trotz Warnungen wählte er den gleichen Weg wie immer. Anton Graf Arco-Valley, ein 22-jähriges Mitglied der antisemitischen Thule-Gesellschaft, schoss Kurt Eisner tödlich nieder.

Die Autorin Ulrike Bez hat noch 1988 mit Zeitzeugen gesprochen.

Mehr als 100 000 Menschen versammelten sich am 26. Februar 1919 zum größten Trauerzug in der Geschichte der Landeshauptstadt. Was daraufhin folgte, das berichtete Ulrike Bez in einem Dokumentarfilm. Die Autorin hatte noch 1988 mit etlichen Zeitzeugen gesprochen und sich erzählen lassen, was dort in München passiert war. Weißgardisten machten Jagd auf alles Linksverdächtige, durchkämmten Häuser, nahmen vermeintliche Gegner mit und richteten sie hin. Etwa tausend Menschen sterben. „Wer hat uns verraten? Ausgerechnet die Sozialdemokraten“, beklagt ein Mann, der später auch von den Nationalsozialisten verfolgt worden war. Selbst in den Gesprächen mit der Autorin mochten die linken Protagonisten nur ihren Vornamen erwähnt wissen, aus Angst vor alten und neuen Nazis. „München wurde zum Tummelplatz der Rechten“, sagte Bez zur Ausstellungseröffnung, „und Hitler baute dort seine Organisation auf. Die Industrie bereitete ihm den Weg.“

Bayern tut sich bis heute schwer mit dem Vermächtnis von Kurt Eisner. Werner Eckl erinnerte daran, dass die Münchner CSU noch 1969 gegen eine „Kurt-Eisner-Straße“ protestiert hatte, weil damit das Feingefühl der Witwe des Attentäters verletzt werde. Dieser Graf Arco-Valley kam fünf Jahre nach seinem Mord frei und führte fortan ein angenehmes Leben.

Hans Feil: „Zäsur wirkt bis heute nach“

Hausherr Bürgermeister Hans Feil sprach im Rottmayr-Saal von einer „bis heute nachwirkenden Zäsur in unserer Geschichte.“ Jene Monarchie, die den Krieg zu verantworten gehabe habe, war zu Ende. Feil sieht in diesem Blick zurück in die Geschichte eines deutlich: „Demokratie muss stets erkämpft und sie muss immer verteidigt werden.“

Werner Eckl bedankte sich beim Stadtmuseum München, bei Peter Kurz und Manfred Dannhorn fürdie Auswahl und die Aufbereitung, beim „Kurt-Eisner-Verein“ fürpolitische Bildung und bei dem Trostberger Künstler Werner Pink, der eigens fürdiese Doppelausstellung eine lebensgroße Eisner-Figur geschaffen hat.

Johanna Aicher begleitete den Abend auf der Zither. Nur beim letzten Lied erhob sie ihre klare Stimme: „.... dass Menschlichkeit erringt den Sieg.“ Zu sehen ist die Ausstellung im Alten Rathaus bis zum 26. Oktober täglich von 10 bis 12 und von 16 bis 19 Uhr, wobei das Alte Rathaus in aller Regel ganztägig zugänglich ist. Anschließend wandert sie ins Trostberger Postsaalgewölbe, wo sie vom 4. bis zum 16. November zu den gleichen Öffnungszeiten zu sehen ist.

Sanfte Tönzur Revolution: Johanna Aicher mit ihrer Zither. − Foto: Hannes Höfer