20. Januar 2018

Gedenkort für Generaloberst Jodl verschwindet

Der Gedenkstein im Friedhof auf Frauenchiemsee.

Von R. Thiemann / H. Mayer

Der Kriegsverbrecher wurde nicht auf der Fraueninsel begraben

In wenigen Tagen, am 25. Januar 2018, läuft das Nutzungsrecht für das Familiengrab Jodl auf dem Friedhof der Fraueninsel aus. Dass der Grabstein wegkommt, will Georg Huber nicht bestätigen, aber »auf jeden Fall verschwindet alles, was Alfred Jodl betrifft«, so der Inselbürgermeister. Generaloberst Jodl, einer von Hitlers wichtigsten militärischen Beratern und 1946 als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und gehenkt, liegt hier gar nicht begraben – seine Asche wurde in München in die Isar gestreut. Doch die katholische Kirche erlaubte Jodls Witwe Luise in den 50er Jahren, hier am Chiemsee einen Gedenkort für ihren Mann einzurichten. Es handelt sich somit um ein Scheingrab (Kenotaph) mit einem Stein, auf dem Jodls Name steht und ein Eisernes Kreuz eingemeißelt ist. Nicht nur erweckt es den falschen Eindruck, als würden sich hier die sterblichen Überreste Alfred Jodls befinden; es wirkt wie ein militärisches Ehrengrab.

Bewohner der Fraueninsel und der Münchner Aktionskünstler Wolfram Kastner unternahmen in den letzten Jahren verschiedene, zum Teil spektakuläre und strafbewehrte Versuche, die Öffentlichkeit auf diesen in ihren Augen skandalösen Umstand aufmerksam zu machen und Abhilfe zu schaffen. Doch alle Bemühungen, wenigstens die Anbringung einer Informationstafel durchzusetzen, um Bewohner und Besucher der Fraueninsel über Person und Wirken Jodls aufzuklären, waren nicht durchsetzbar. Einige historische Fakten seien daher an dieser Stelle zusammengefasst – auch, damit niemand sagen kann: »Das haben wir nicht gewusst...«

»Mitleid mit der Zivilbevölkerung ist nicht am Platze«

Narvik, Nordkap und Nordlicht, das sind heute bekannte touristische Reiseziele. Wohl kaum einer der Reisenden weiß heute etwas anzufangen mit dem mythischen Begriff Nordlicht. Durch das »Unternehmen Nordlicht« wurde Nordnorwegen im Spätjahr 1944 von Wehrmacht und SS komplett verwüstet. Es war eine militärisch motivierte Zerstörungsaktion, die als humanitäre und wirtschaftliche Katastrophe des Landes endete – durchgeführt von deutschen Soldaten der Gebirgsarmeen. Einer der Hauptverantwortlichen war Generaloberst Alfred Jodl.

Beim Rückzug der 20. Deutschen (Gebirgs-)Armee aus Nordnorwegen wurden unter Hinweis auf einen Befehl Hitlers in einem Gebiet von der anderthalbfachen Größe Dänemarks 50 000 Menschen evakuiert und 11 000 Wohnhäuser zerstört, zudem 4700 Ställe und Nebengebäude, 230 Gebäude für Industrie und Handwerk, 420 Geschäfte, 306 Fischereibetriebe, 53 Hotels und Gastwirtschaften, 106 Schulen, 60 Gebäude der öffentlichen Verwaltung, 21 Krankenhäuser und Krankenstationen, 140 Versammlungsgebäude sowie 27 Kirchen. Zerstört wurden auch Straßen und Brücken, Kaianlagen, Boote, Telefonmasten, Brunnen und Leuchttürme. In den meisten Orten wurden die Haustiere geschlachtet und Minen verlegt. Hier in Norwegen führten Hitler und Jodl aus, was sie für Leningrad und Moskau vorgesehen hatten. 40000 Quadratkilometer waren vollständig zerstört, 20 000 Quadratkilometer zu 75 Prozent.1

Laut Anweisung von Hitler und Jodl war »die gesamte norwegische Bevölkerung ostwärts des Lyngenfjords im Interesse ihrer eigenen Sicherheit zwangsweise zu evakuieren und alle Wohnstätten niederzubrennen bzw. zu zerstören. Oberbefehlshaber Nordfinnland ist dafür verantwortlich, dass der Führerbefehl rücksichtslos durchgeführt wird. [...] Mitleid mit der Zivilbevölkerung ist nicht am Platze. ‘2

Der Evakuierungsbefehl führte zu der größten Wanderbewegung und den umfassendsten Zerstörungen auf norwegischem Boden überhaupt. Militärische Abteilungen zogen von Ort zu Ort, von Gehöft zu Gehöft. Sie trieben die Menschen aus ihren Häusern, die Kranken aus den Hospitälern, das Vieh aus den Ställen. Die Gebäude wurden in der Regel nach kurzer Frist in Brand gesetzt, das Vieh zum Teil an Ort und Stelle geschlachtet, zum Teil mitverbrannt, zum Teil auf die Reise mitgenommen. Auf den kleinen Fischkuttern herrschten wegen Überfüllung zum Teil unbeschreibliche Zustände. Auf der »Karl Arp«, einem kleinen Schiff, waren 1850 Menschen mehrere Tage von Finnmark bis Narvik im Laderaum untergebracht. Zu den qualvollen räumlichen Bedingungen und der ungenügenden Versorgung kamen die katastrophalen sanitären Verhältnisse, die epidemisch sich ausbreitende Erkrankungen nach sich zogen. Die Helfer, die die Zwangsevakuierten in Narvik aus dem Laderaum bargen, konnten nur mit Gasmasken arbeiten. Rund 300 Personen mussten sofort in Krankenhäuser gebracht werden. 25 sollen laut Sterberegister von Narvik nach diesem Transport gestorben sein.

Entwicklung zu einem Bewunderer Hitlers

Zur Person: Alfred Josef Ferdinand Jodl (Baumgärtler) kommt am 10. Mai 1890 in Würzburg zur Welt.3 Sein Vater, ein Hauptmann, war das Kind einer Münchner Beamtenfamilie, die ursprünglich aus Tirol stammt und sich aus bescheidenen Verhältnissen emporgearbeitet hat. Seine Mutter, Therese Baumgärtler, ist die Tochter eines Bauern. Zum Zeitpunkt der Geburt Alfreds und seines Bruders Ferdinand sind sie nicht verheiratet – die bäuerliche Herkunft der Frau galt für einen Militär als »nicht standesgemäß«. Die beiden Söhne (drei Töchter sterben im Kindesalter) heißen daher zunächst nach der Mutter. Der Vater nimmt Abschied vom Militär, um sie heiraten zu können. Vom achten Lebensjahr an trägt Alfred den Namen Jodl.

Nach dem Schulbesuch in Landau und München legt der Zwanzigjährige 1910 das Abitur ab und kommt anschließend als Fähnrich zum 4. Bayerischen Feldartillerieregiment nach Augsburg. Hier lebt seine spätere Frau Irma von Bullion, die er im selben Jahr kennenlernt. Das erste Mal begegnet er ihr im Haus seines Onkels in Gstadt am Chiemsee. Sie heiraten 1913 und halten sich später immer wieder in der Villa am Chiemseeufer auf. Viele Jahre später, in den Tagen vor dem Urteilsspruch im Nürnberger Prozess, Anfang September 1946, schreibt Jodl seiner zweiten Frau Luise aus der Gefangenschaft, sie solle zur Erholung ein paar Tage an den Chiemsee fahren – dorthin, »wo immer ein Teil meines Herzens ist.«4

Jodls militärische Laufbahn, die 1903 im Münchner Kadettenkorps begonnen hatte, nahm insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg einen steilen Verlauf. 1932 wurde er zum Gruppenleiter in der Operationsabteilung im Truppenamt des Reichswehrministeriums ernannt, 1935 wurde er Chef der Abteilung Landesverteidigung im Wehrmachtführungsamt (WFA) und zum Oberst befördert. Als Heeresoffizier (ab 1944 Generaloberst) und Chef des Wehrmachtführungsstabes im Oberkommando der Wehrmacht (OKW) plante er an führender Stelle die deutschen Militäroperationen.

Jodl war im Laufe der 30er Jahre zunehmend vom »Führer« fasziniert und entwickelte sich zu einem Bewunderer Hitlers. Zusammen mit den übrigen hohen Offizieren der Wehrmacht hatte Jodl am 22. August 1939 schweigend zur Kenntnis genommen, wie Hitler die Polen zu behandeln gedachte.5 Kurz nach Beginn des Krieges gegen Polen begegnete er am 3. September 1939 zum ersten Mal Hitler persönlich.6 In den folgenden Jahren saß Jodl oft mit Hitler zusammen und bildete den Infanteriegefreiten aus dem Ersten Weltkrieg allmählich in Strategie und Taktik der Kriegskunst aus. Umgekehrt wurde er von Hitler mit nationalsozialistischen Gedanken indoktriniert. Laut seiner Aussage im Nürnberger Prozess 1946 erlebte Jodl Hitler als eine Führerpersönlichkeit von ungewöhnlichem Ausmaß; sein Wissen und sein Intellekt, seine Rhetorik und sein Wille würden letzten Endes gegenüber jedem triumphieren.7

Über den Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941 (die sofortige Erschießung der politischen Kommissare der Roten Armee) und über die Politik gegenüber den Juden im besetzten Osten war Jodl am 16. Juli 1941 ausführlich von Generalstabsleiter Keitel informiert worden. Jodl beschäftigte sich danach damit, entsprechende mörderische Befehle auszuarbeiten.8 Er war Hitler sehr nah und dadurch in die Verbrechen, die das Regime beging, heillos verstrickt. Er war (mit-)verantwortlich dafür, dass den deutschen Soldaten vom Oberkommando der Wehrmacht völkerrechtswidrige Befehle erteilt wurden. 1943 hielt er am 7. November in Gedenken an den Hitler-Putsch 1923 vor den Gauleitern der NSDAP eine Rede voller Enthusiasmus für den Führer und Lob für die deutsche Strategie im Osten.9

Alfred Jodl war auch an den Deportationen der europäischen Juden in die Vernichtungslager beteiligt. Im Herbst 1943 vermerkte er auf einem Schreiben des deutschen Wehrmachtsbefehlshabers in Dänemark, Hermann von Hanneken, der den militärischen Ausnahmezustand in Dänemark nicht als Vorwand für Judendeportationen missbraucht sehen wollte: »Geschwätz. Es geht um staatliche Notwendigkeiten. ‘10

Als Hauptkriegsverbrecher verurteilt

Nach dem Krieg kam es bei den Nürnberger Prozessen zur Anklage gegen Jodl. Die Anklageschrift beschuldigte ihn der Verschwörung und des Verbrechens gegen den Frieden und die Humanität sowie der Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung. Mit Hilfe seiner Anwälte – Franz Exner, Strafrechtsprofessor der Universität München, und Hermann Jahrreiß, Kölner Völkerrechtsprofessor – verteidigte er sich mit der Behauptung, es sei nicht Aufgabe eines Soldaten, über seinen Oberbefehlshaber zu richten; er habe als Soldat nur seine Pflicht getan und sich von der Politik gänzlich ferngehalten. In ihrem Erinnerungsbuch zitiert Luise Jodl aus einem Brief, den er ihr zu Beginn des Nürnberger Prozesses geschrieben hatte. Er beteuert, von den »wirklichen Verbrechen« jetzt zum ersten Mal zu hören. »So hatte Alfred von der planmäßigen Judenvernichtung nichts gewusst! ‘, lautet die Schlussfolgerung und eine zentrale Botschaft ihres Buches.11

In militärischen Fragen konnte Jodl sich wirksam verteidigen – bei anderen Handlungen nicht. Die Enthüllung abgründiger Verbrechen mittels Dokumentarfilmen über KZ-Zustände traf ihn angeblich wie ein Keulenschlag und erschütterte ihn sehr. So grauenhaft die gezeigten Verbrechen auch waren – er hatte sie seiner Meinung nach nicht zu verantworten. Doch dass er der geplanten vollständigen Auslöschung von Moskau und Leningrad zugestimmt hatte und ganz Nordnorwegen mit der Taktik der »verbrannten Erde« überzogen hatte, konnte er nicht widerlegen.

Am 1. Oktober 1946 wurde er in allen vier Anklagepunkten wegen Teilnahme an verbrecherischen Handlungen für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Als einer der 24 Hauptkriegsverbrecher wurde er am 16. Oktober 1946 gehängt, sein Körper verbrannt und die Asche verstreut.

Deutsche Richter – dieselben, die von 1933 bis 1945 im Sinne Hitlers und seiner Befehle und gemäß der nationalsozialistischen Gesetze Recht gesprochen hatten – rehabilitierten Jodl 1953 posthum. Die Staatsanwaltschaft erhob keinen Einspruch, und somit erging von der deutschen Hauptspruchkammer in München ein Urteil auf nicht schuldig. Auf Druck der Alliierten widerrief der bayerische Minister für Politische Befreiung im selben Jahr 1953 den Widerruf des Urteils. Jodls Vermögen wurde aber für die Erben freigegeben, seine zweite Frau bekam Pension und durfte ihren Besitz in Gstadt am Chiemsee behalten.

Alfred Jodl war einer der wichtigsten und mächtigsten Männer der nationalsozialistischen Herrschaft, die durch ihre Entscheidungen sehr viele Menschen und ganze Völker in die Katastrophe geführt haben. Das Ergebnis waren Millionen Tote, die Zerstörung Deutschlands und großer Teile Europas, zahllose Vertriebene und mit ihnen der Verlust vieler deutschsprachiger Siedlungsgebiete.

Im Familiengrab auf der Fraueninsel wurden bestattet: Ferdinand Jodl, der Bruder von Alfred Jodl, gestorben 1956 in Essen12, dessen Frau Maria (gestorben 1985) sowie Alfred Jodls beide Ehefrauen. Den Namen des Generalobersts verewigten die Angehörigen zentral auf einem Gedenkstein, der die Form eines Eisernen Kreuzes assoziiert. Daneben stehen die Namen seiner ersten (links) und seiner zweiten Frau (rechts): Irma Jodl, geborene Gräfin von Bullion (gestorben am 18. April 1944 in Königsberg) und Luise Jodl, geborene von Benda (gestorben 1998 in Unterhaching), eine Freundin seiner ersten Frau und ehemalige Sekretärin im OKH. Jodl hat sie im März 1945 geheiratet. Beide Ehen blieben kinderlos.

Anmerkungen:

1) Angaben der Fylkeskonservatoren in Finnmark, Troms und Nordland: Wiederaufbauausstellung 1985, in: Knuc Einar Eriksen und Terje Halvorsen, Norge i krig, Bd. 8, Frigjorg, Oslo 1987, und Armin Lang: Die Zerstörung Nordnorwegens durch deutsche Truppen, in: Militärgeschichte (Hg. Militärgeschichtliches Forschungsamt), 4/2004, S. 14-17.

2) Wie (1).

3) Die folgenden biographischen Angaben beruhen auf Luise Jodl: Jenseits des Endes. Der Weg des Generaloberst Alfred Jodl. Neuauflage München und Wien 1987, S. 95.

4) ebd. S. 313.

5) Internationaler Militärgerichtshof Nürnberg (IMG) Bd. 2, 492-495, Bd. 15, 410.

6) Luise Jodl (wie 3) S. 119.

7) IMG wie (5) Bd. 15, S. 333.

8) IMG wie (5) Bd. 20 und Bd. 28.

9) IMG wie (5) Bd. 37.

10) Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Frankfurt 1982, S. 296.

11) Luise Jodl (wie 3) S. 187.

12) Alfred Jodls Bruder Ferdinand war im Zweiten Weltkrieg General der Gebirgstruppe. Als Kommandierender General in Norwegen äußerte er sich (ebenso wie der SSAbschnittsleiter) gegen den Befehl, Nordnorwegen zu zerstören, führte ihn aber letztendlich – da Befehl – aus.